Cinecittà Aperta | RENÉ POLLESCH

Cinecittà Aperta. Ruhrtrilogie Teil 2

René Pollesch

Cinecittà - sind das nicht die legendären Filmstudios bei Rom? Stimmt! Doch René Pollesch öffnete die Filmwerkstätten für die Welt und ließ hinter dem Ringlokschuppen in Mülheim ein fantastisches Filmstudio entstehen.

"Hat nicht irgendjemand gesagt, dass sei Paris hier?" schrie letzten Sommer eine der Pollesch-Figuren verzweifelt durch den Mülheimer Stadtgarten. Die Metropole Ruhr ist nicht Paris, und in Mülheim inszenieren auch nicht Roberto Rossellini, Vittorio De Sica oder Federico Fellini. Es ist René Pollesch, der die im vergangenen Jahr erfolgreich gestartete Ruhrtrilogie mit "Cinecittà Aperta" fortsetzte.

Schauplatzwechsel für die Cinecittà

Autor und Regisseur René Pollesch zog für den zweiten Teil seiner Ruhrtrilogie vom Mülheimer Stadtgarten auf eine Industriebrache hinter dem Ringlokschuppen weiter.
Auch "Cinecittà Aperta" wurde wieder zu einem Spektakel unter freiem Himmel – inklusive offener Bühne, Filmaufnahmen und Videoübertragungen. So entwickelt Pollesch andere Perspektiven auf die Geschichten, die wir uns immer wieder erzählen, in denen wir selbst aber schon lange nicht mehr vorkommen.

Pollesch durchleuchtet die Metropole Ruhr

"Wir können also nicht mehr heucheln, dass uns die anderen Leben berühren. Und die Frage ist auch, wo berühren sie uns wirklich, also wo haben wir mit ihnen zu tun?" fragt Pollesch provokant, der zweifacher Träger des Mülheimer Dramatikerpreises ist und in diesem Jahr den Publikumspreis der Mülheimer Theatertage für "Fantasma" erhalten hat. Er weist darauf hin, dass es Utopien gibt, die nicht zu organisieren sind – schon gar nicht durch Ethik und Moral.
So nähert sich Pollesch der Komplexität und den Widersprüchlichkeiten des Ruhrgebiets. Er fängt den rauen, unwiderstehlichen Charme dieses Millionengebildes ein. Immer wieder sucht die Metropole im Werden nach Situationen, in denen sich ihr Wandel bewähren kann.
Diesen Prozess untersucht Renè Pollesch in der Ruhrtrilogie mit explosivem Witz und bestechendem Scharfblick.

mit Inga Busch, Christine Groß, Martin Laberenz, Trystan Pütter, Catrin Striebeck

Text und Regie René Pollesch
Bühne Bert Neumann
Kostüme Nina von Mechow
Kamera Ute Schall, Andreas Deinert
Dramaturgie Aenne Quiñones

Licht Frank Novak, Johannes Zotz Regieassistenz Valeria Klapproth Bühnenbildassistenz Edwin Bustamante Kostümassistenz Teresa Tober Souffleuse Katharina Sendfeld

Premiere in Mülheim an der Ruhr am 19. Juni 2009

Weitere Aufführungen 20.-23. Juni, jeweils 21.00 Uhr
Aufführungsrechte Rowohlt Theater Verlag

Catrin Ich war überhaupt immer nur in der Lage, mich bis zu einer Krisenreife zu entwickeln. Jeden Tag bis in Richtung Abend entwickle ich mich langsam zu einer Krisenreife und mit der hast du es gerade zu tun.
Martin Ja, jetzt beruhig dich aber mal wieder, Schatz!
Catrin Ich merke so gegen Nachmittag, dass ich langsam krisenreif werde und in der Tat ist es dann gegen Abend soweit.
Martin Moment mal, aber du warst doch schon gegen Morgen in der Krise.
Catrin Wirklich?
Trystan Während des totalen Terrors sind die Menschen auch das, was sie im Normalfall sind, bloßes Material eines über sie hereinbrechenden Verhängnisses.
Christine Dieser Körper muss das historische Subjekt in sich zurücknehmen. Ich kann die Krise gar nicht sehen, die ist genauso terroristisch wie der Normalfall. Deshalb kommt sie mir einfach nicht bemerkenswert vor. Ich muss sofort mit anderen, denen die Krise auch so ungemeinschaftlich vorkommt wie mir, eine Gemeinschaft bilden.
Martin Der Kapitalismus ist keine Variante des als zeitlos angenommenen Verhältnisses zwischen arm und reich. Marx gegen den Marxismus, wie Darwin gegen den Darwinismus verteidigen! Denn was machen die Reichen denn eigentlich mit ihrem Geld? Sitzen die drauf? Oder verjubeln die es? Was machen die denn nun damit? Zu Feudalzeiten wurde das Geld vielleicht regelrecht verfressen aber..., wobei die Abhängigen die Reste fressen konnten, aber... die Mägen der Reichen sind zu klein, für das, was sie an Gelderlös ausstoßen.
Catrin Niemand kommt in den Genuss des produzierten Reichtums, also handelt es sich um einen irrationalen Selbstzweck, um einen Fetischismus dieser Produktionsweise.
Christine Marx geht nicht im Ausbeutungsverhältnis auf, wie Darwin nicht im Recht des Stärkeren aufgeht. Survival of the fittest ist übrigens gar nicht von Darwin, dieser Satz warb nur für Darwin, er ist der Klappentext, der Darwin zum Sozialdarwinismus geformt hat. Es wurden schon vor 150 Jahren nur Klappentexte gelesen. Und die historischen Subjekte sind die Klappentexte für die geschichtlichen Körper. Nicht der Körper ist eine Hülle, sondern das historische Subjekt, das wir ausweisen oder in uns zurücknehmen sollten. Der Körper ist der Inhalt, nicht der Klappentext, den wir Seele nennen.
Martin Unsere eigene gesellschaftliche Tätigkeit tritt uns als fremde und äußere Macht entgegen, das ist das Problem, das nicht als Problem aus der Welt geschafft werden kann, obwohl alle soviel Übung darin entwickelten, das Problem in einem zeitlosen Arm- und Reich-Verhältnis zu sehen.
Catrin Wie lässt sich das darstellen, nur mit einem Bild, das wie eine kursierende Kapitalismuskritik auch wieder leicht in Antisemitismus umschlagen kann. Der Körper von Matthias Schweighöfer bewegt sich durch einen Film, er ist da auch das Ergebnis von anonymer Konkurrenz, die zum Beispiel die Besetzung bedeutet. Er wurde als Reich-Ranicki besetzt. Er bewegt sich durch einen Film, sein Körper, als ungesellschaftliches Wesen einer anonymen Konkurrenz. Die Gesellschaftlichkeit ist jetzt in die Figur des Reich-Ranicki geschlüpft, dessen Leben da erzählt wird. Die Gesellschaftlichkeit läuft neben Schweighöfers ungesellschaftlichem, konkurrierendem Körper her als totes Produkt und dessen Geldgestalt, und das ist in diesem Fall nun leider Reich-Ranicki. Aber das Beharren auf einem zeitlosen Arm-Reich-Verhältnis und einer Beweisaufnahme, die mit dem Begriff Gier umgeht, ist antisemitischer als das.
Martin Man kommt nicht raus aus diesem blöden Antisemitismus.

Eine Koproduktion von Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr mit der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin, der Rotterdamse Schouwburg und der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 in Zusammenarbeit mit dem Theaterbüro des Kulturbetriebs Mülheim an der Ruhr. Gefördert von der Kunststiftung NRW, the Dutch Ministry of Foreign Affairs, Theater Instituut Nederland und der SMW GmbH.