Eichbaumoper | RAUMLABORBERLIN

Die Eichbaumoper

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Eichbaum Countdown - das Folgeprojekt zur "Eichbaumoper" für Jugendliche!

Die Eichbaumoper

"Entgleisung" von Ari Benjamin Meyers und Bernadette La Hengst
Die Reise beginnt an der U18-Haltestelle Hirschlandplatz in Essen. Reiseziel: Mülheim-Eichbaum. Die U-Bahn 18 fährt hier jeden Tag im 10-Minuten-Takt, bringt Menschen mit unterschiedlichsten Zielen an den „Eichbaum“, sieht Stammgäste, Pendler, Penner und Paare ein- und aussteigen. Und selbstverständlich auch das Publikum. Die U-Bahn nimmt sie auf, hört die Geschichten der Passagiere spuckt alle an der Haltestelle „Eichbaum“ wieder aus. Und sie träumt davon, einmal auch die Gleise verlassen zu können, so wie alle anderen.

"Simon, der Erwählte" von Isidora Žebeljan und Borislav Cicovacki
Von einer anderen Zukunft träumt auch der junge Simon, der in Russland in einem Kloster aufwuchs. Als Baby dort ausgesetzt und von Mönchen aufgezogen, verlässt er nun mit einem Brief seiner Mutter im Gepäck die enge Welt und bricht in ein neues Leben auf. Er landet in Mülheim und beginnt zu arbeiten. Dort trifft er auf die Hauswirtin Anna, in die er sich auf den ersten Blick verliebt und sie sich in ihn. Doch dann findet sie den Brief, den sie selbst vor zwanzig Jahren schrieb. Viele Jahre später taucht Simon wieder auf und zeigt wundersame Fähigkeiten…

Fotos: Diana Küster/raumlaborberlin

"Fünfzehn Minuten Gedränge" von Felix Leuschner und Reto Finger
Gedränge am Bahnsteig: Menschen kommen und gehen hier ebenso wie die Geräusche der ankommenden und abfahrenden Züge und der vorbeirauschenden LKWs wie in einem ständigen Crescendo und Decrescendo. Und so kommen und gehen auch die Beziehungen und Geschichten von Max und Emma, Sven, Anna, Daniel, Sabine und vieler anderer Reisender, bis am Ende lediglich der Rhythmus des Eichbaums selbst verbleibt.

Eichbaum muss Oper werden!

„Eichbaum“ ist eine der Haltestellen der U-Bahnlinie 18, die zwischen Essen und Mülheim verkehrt. Sie liegt in einem „Niemandsland“ unterhalb der Autobahn 40 und ist seit ihrer Gründung vor dreißig Jahren ein extrem problematischer Ort: Vandalismus, Überfälle und Vergewaltigungen häufen sich hier. Vor dreißig Jahren war die U-Bahnlinie 18 mit ihren Haltestellen auf und unterhalb der A40 das Fanal der Moderne und markierte den Aufbruch in das neue, mobile Ruhrgebiet.

Heute steht „Eichbaum“ für das Ende von Stadt- und Verkehrsplanung. Die Verkehrsbetriebe haben resigniert und empfehlen, den U-Bahnhof zu meiden. Die Anwohner und Nutzer der Haltestelle sind empört: Sie fühlen sich im Stich gelassen. Hier kulminieren Ängste und Bedrohungen mit planerischen Hoffnungen und Visionen, dörfliche Strukturen mit urbanen Strategien. In dieser Verdichtung erzählt „Eichbaum“ beispielhaft von den Umbrüchen, Hoffnungen und Enttäuschungen im Ruhrgebiet der letzten dreißig Jahre.

„Eichbaum“ ist das Paradigma einer verlorenen Utopie, ein Un-Ort, der scheinbar das Ende jeder Hoffnung markiert. Bauliche Maßnahmen und Appelle bleiben wirkungslos: der Ort widersetzt sich allen pragmatischen Zugriffen. Deshalb kann „Eichbaum“ nur durch eine Vision erlöst werden: „Eichbaum“ muss Oper werden!

Um ein Ort zu werden, in dem Menschen sein können, muss „Eichbaum“ von einem realen Unraum zu einem utopischen Klangraum werden. Nur die utopische Kraft der Oper kann diesen Ort verwandeln. Die Oper ist in der Lage, den Erinnerungen und Ängsten, den vielen Stimmen, Klagen und Klängen, die durch „Eichbaum“ geistern, einen Raum zu geben. Die Oper kann sie zu Gehör und zur Ruhe zu bringen. Sie nimmt die Geschichten und Erfahrungen der Menschen an diesem Ort in sich auf und verwandelt sie in Musik und Gesang. Damit formuliert sie den extremen Gegenentwurf zur Realität dieses verlorenen Ortes.

Die Oper verwandelt diesen Ort, indem sie sich ihm stellt. Sie muss ihm zuhören und ihn erleiden, ihn aushalten und neu entwerfen. Sie muss ihn in die Zukunft entwerfen und aus der Erinnerung der Menschen holen. Deshalb muss sie an diesem Ort sein und in diesem Ort wohnen. Nicht über die Menschen dort sprechen, sondern mit ihnen. Nicht Geschichten erfinden, sondern mit den Geschichten und den Menschen den Ort neu erfinden. Wenn ihr das gelingt, dann hat die Oper sich geöffnet und ins Gespräch gefunden. So kann sie den Hoffnungen einen Raum geben.

(c) raumlaborberlin

Die Eichbaumoper als Prozess

Die „Eichbaumoper“ bezeichnet gleichermaßen:

  • eine U-Bahnhaltestelle, die zum Opernhaus wird,
  • Kompositionen und Libretti, die dort geschrieben werden,
  • Musiktheater, das an diesem Ort zur Aufführung kommt,
  • Publikum, das an der Entstehung der Oper beteiligt ist,
  • Arbeitstechniken und Prozesse, die die Entstehung der „Eichbaumoper“ organisieren.

Es geht um die Verbindung von Architektur, Theater, Musik und Stadt. Aus diesen parallel verlaufenden Komponenten entwickelt sich die „Eichbaumoper“. Sie beschreibt in diesem Sinne eine Auseinandersetzung mit dem Raum und seiner Architektur ebenso wie den künstlerischen Prozess seiner Transformation. Diese Transformation wird als vielschichtiger Prozess gedacht, in dem die Künste und Techniken sich gegenseitig fördern, anregen und bedingen.

Das Architekturbüro raumlaborberlin (hier Matthias Rick und Jan Liesegang) wird diesen Prozess als künstlerische Leitung organisieren und gemeinsam mit den Dramaturgien von Schauspiel Essen, dem Musiktheater im Revier und dem Ringlokschuppen Mülheim betreuen. Matthias Rick und Jan Liesegang entwickeln den räumlichen Entwurf der „Eichbaumoper“ und sind als Architekten für die bauliche Umsetzung verantwortlich.
Bevor die „Eichbaumoper“ eine Opernbühne und ein Stück Musiktheater wird, ist sie Prozess und Kommunikation, Forschung und Experiment, Gespräch und Begegnung. Der Ort, in dem all das stattfindet, ist die „Opernbauhütte“, die raumlaborberlin in der Entwicklungsphase der Oper an der Haltestelle errichten wird.