Erleide meine Inspiration | GINTERSDORFER/KLAßEN

Erleide meine Inspiration

Gintersdorfer/Klaßen

Inspiriert durch Recherchen in Abidjan, wo DJs, Politiker und Propheten als die eigentlichen Gewinner der bürgerkriegsähnlichen Krise tagtäglich ihre Inspiration zu Markte tragen und wo die multimedialen Spektakel der Pfingstkirchen anderen Kultureinrichtungen längst den Rang abgelaufen haben, betreten hybride Show-Götter die Bühne. Ihr provokanter Auftrittsstil steht im Einklang mit der Straßenkompetenz und Wehrhaftigkeit der vor allem jungen Bevölkerung. Sie können die Energieströme des Publikums in jede beliebige Richtung lenken: ins Amüsement, in die religiöse Bekehrung oder in die politische Radikalisierung, die sich auf der Straße entlädt.

Gott gibt die Inspiration, aber nicht jedem, viele werden niemals inspiriert sein. Sie manifestiert sich, wenn ein Inspirierter trinkt, sich drogt, oder eine schöne Frau sieht. Oder auch wenn es viel Unglück gibt, Schmerz, Terror, Gefühl, dann offenbrat sich das Göttliche durch den Künstler, den Ort des Geistes. Als Sänger bin ich immer inspiriert, aber man kann mich für einen Moment mit etwas Schlechtem zerstören, ein übler Spruch, eine Beleidung, Erniedrigung, etwas das frustiert. Das Inspirierte kann dich aufheben, trösten, es geht über das mit Worten Sagbare hinaus, es braucht eine Sensibilität des siebten Sinnes, Gehör und Gefühl, des Unsichtbaren. (SKelly)

Fotos: Knut Klaßen

Gintersdorfer/Klaßen setzen ihren spezifischen Kulturtransfer zwischen der ivorischen Metropole Abidjan und der Kunst- und Theaterszene in Deutschland und Europa fort. In „Erleide meine Inspiration“ trifft ein außergewöhnliches Ensemble von Performern und Musikern zusammen. Melissa Logan (Chicks in Speed), Franck Edmond Yao, Gotta Depri, Hauke Heumann u.a. zeigen, welche Bedeutung Inspiration für ihre eigene Bühnenpraxis hat und berichten aus Abidjan, wo Prediger, Propheten, Politiker und Showstars überraschenderweise zu den eigentlichen Gewinnern der bürgerkriegsähnlichen Krise zählen. Besessen von den Geistern aus Politik, Religion und Showbizz praktizieren die Performer Prophetie, Gesang, Tanz, Austreibung und Trance.

 

Gintersdorfer/Klaßen wurden zur Compagnie des Jahres gekürt. Im aktuellen Jahrbuch tanz ist über die Arbeit von Gintersdorfer/Klaßen zu lesen: „Afrika und Europa begegnen sich auf einer Augenhöhe, an der man sich nicht satt sehen kann.“ (tanz Jahrbuch 2010)

Es gibt zwei Bewegungen, öffnen und verschließen. Ich kenne das Verschließen sehr gut, sich zurückziehen, nicht mehr aus der Wohnung gehen, sich nicht mehr äußern. Ich kann dann die Bewegung auf eine Sache hin nicht mehr machen, und will sie auch nicht mehr machen. Auflösung, Nichtexistenz und auf keinen Fall ein Bezug nach draußen. Ich kenne aber auch die Momente, wo sich diese Haltung auflöst. Meistens nicht durch meine eigene Kraft, sondern durch eine Bewegung von anderen. Aber das stößt was an, und dann kommt auch wieder was von mir. Das hat dann was mit Lust zu tun, Bezüge herstellen, die Dinge so zusammensetzen, wie ich will. Das sind dann auch Erkenntnisse, wie es nämlich eigentlich ist oder sein sollte. Ich verstehe etwas, und gleichzeitig wird mir die nötige Handlung  klar. Dieses helfende Moment ist die Inspiration. Es kommt von außen und dann fast gleichzeitig auch von innen und hebt die Trennung auf. Solche Prozesse wollen lange mitgeteilt werden. (Hauke Heumann)

Inspiration gibt es in allen Bereichen, inspiriert einkaufen, inspiriert stehlen,
es geht um einen Moment, in dem man riesiges Vertrauen in sich selbst hat, ich bin sehr, sehr stark. Inspiration kommt und geht, aber wenn sie da ist dann bist du total bereit, genau jetzt, dein Kopf ist bereit,
psychisch, psychologisch, dein Kopf kann alles aufnehmen, er ist frei und empfängt mit Leichtigkeit, diese Inspiration ist Teil von mir, ich erzeuge sie selbst, sie kann nur behindert werden, wenn ich zuviele Probleme habe, die den Kopf zumachen. (Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star)

Eine Koproduktion von Kampnagel Hamburg, WUK Wien, Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr und Theater im Pumpenhaus Münster. Gefördert von der Kunststiftung NRW und der Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen.