Öderland | ACHIM LENZ

Öderland

Achim Lenz

Premiere: 05. März 2010

Unvermittelt wird ein unbescholtener Bürger zum Mörder: Ein Staatswanwalt – erfolgreich, verheiratet, gesellschaftlich angesehen - greift zur Axt und träumt den tödlichen Traum von der absoluten Freiheit. Er tötet jeden, der sich ihm in den Weg stellt – scheinbar ohne Motiv, wider alle Konventionen und Gesetze. Graf Öderland ist kein Revolutionär, sondern frustrierter Teil eines sinnlosen Systems auf der Suche nach dem wirklichen Leben. Als mehr und mehr Menschen seinem Beispiel folgen sieht er sich auf einmal an der Spitze einer Freiheitsbewegung. Er verhandelt, hat Verantwortung und Macht, der Staatspräsident will ihn sprechen...

Achim Lenz konzentriert sich in seiner reduzierten und verdichteten Inszenierung ganz auf das Thema. Frischs Figurenarsenal ist zusammengestrichen: Fünf Schauspieler erzählen die Geschichte, teilweise in Mehrfachbesetzungen. Die Individualität des Einzelnen tritt zurück zugunsten eines Ensembles, in dem jeder zu allem fähig ist. So wird das ungeheuerliche Setting wie in einem Experiment auf kleinstem Raum umgesetzt und auf erschreckende Weise konkret: Jeder könnte zur Axt greifen.

Regie Achim Lenz
Ausstattung Verena Mohrig
Regieassistenz Nina Christine Brand
Es spielen Daniel Flieger, Julia Glasewald, Roman Roth, Hanna Schwab, Felix Strüven

Eine Koproduktion von Ringlokschuppen Mülheim und Theater Chur. Gefördert von der Kunststiftung NRW.

Was nicht sein darf, darf nicht sein

Es gibt Theaterstücke, die sind zu früh für ihre Zeit. Als am 10. Februar 1951 Max Frischs Drama «Graf Öderland» am Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt wurde, brach in der Presse ein Sturm der Entrüstung los: «Das ist doch reinster Nihilismus», wetterte eine Zürcher Zeitung, während andere einen «Angriff auf die bürgerliche Gesellschaft» witterten.
Das Schauspielhaus zögerte nicht lange und setzte das Stücke nach wenigen Aufführungen ab, obwohl die Zuschauerzahlen stiegen. Was war das für ein Stück, das die Kraft hatte, derart heftige Reaktionen provozierte?


Ausgelöst durch einen «sinnlosen» Mord, den er untersuchen muss, greift ein Staatsanwalt, erfolgreich, verheiratet, angesehenes Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, zur Axt und träumt den tödlichen Traum von der absoluten Freiheit. Er macht sich auf die Suche nach dem «wirklichen» Leben. Jeden, der sich ihm in den Weg stellt, tötet er. Ohne dass er dies beabsichtig hat, macht sein Beispiel Schule. Mehr und mehr Menschen greifen zur Axt und schliessen sich ihm an. Und auf einmal sieht sich wieder an der Spitze einer Freiheitsbewegung, er hat Verantwortung und Macht, er verhandelt, der Staatspräsident will ihn sprechen… Ist das nun das «wirkliche» Leben?

Die Unmittelbarkeit und Unvermitteltheit, mit der auf der Bühne ein unbescholtener Bürger plötzlich und scheinbar unerklärlich zum Mörder wird, muss beim Publikum in der endlich wieder heilen Nachkriegs-Wirtschaftswunderwelt der fünfziger Jahre wie eine verstörende Ohrfeige gewirkt haben. Mord aus Leidenschaft – ok, Mord aus Habsucht, Mord aus Eifersucht, Mord aus Gier oder Rache, das lässt sich alles noch irgendwie verstehen, ja vielleicht sogar Mord aus sexueller Perversion. Zumindest ist da ein Motiv. Die Tat, so schrecklich sie auch sei, lässt sich auf eine Ursache zurückführen, und sei’s eine verpfuschte Kindheit oder ein Vollrausch. Das kennt man aus Kunst und Literatur zurück bis zur Ilias und zum alten Testament. Aber Mord aus Langeweile, aus Überdruss an der Gleichförmigkeit des bürgerlichen Lebens?

Ein Mann, der als braver und getreuer Kassier schon zwei Drittel seines Daseins erledigt hat, erwacht in der Nacht, weil ein Bedürfnis ihn weckt; auf dem Rückweg erblickt er eine Axt, die aus einer Ecke blinkt, und erschlägt seine gesamte Familie, inbegriffen Grosseltern und Enkel; einen Grund für seine ungeheuerliche Tat, heisst es, könne der Täter nicht angeben; eine Unterschlagung liege nicht vor:

Vielleicht war er ein Trinker.

Vielleicht...

Oder ist es doch eine Unterschlagung, der man erst später einmal auf die Spur kommt.

Hoffen wir es…

Unser Bedürfnis nach dem Grund: als Versicherung, dass eine solche Verwirrung, die das Unversicherte menschlichen Wesens offenbart, unsereinen niemals heimsuchen kann –

 

Diese Skizze hat Max Frisch unter dem Titel «Aus der Zeitung» in seinem Tagebuch 1946 notiert. Kurz vorher war tatsächlich ein solcher Mord im idyllischen Lützelsee passiert, über den die Zeitungen konsterniert berichteten. Das sich so etwas ereignen konnte, und das im Heim einer «kleinen rechtschaffenen Bauernfamilie»!
Nur zwei Einträge später findet sich in Frischs Tagebuch eine erste Prosaskizze «Der Graf von Öderland». Dazwischen der Eintrag:


…zwei Drittel aller Arbeiten, die wir während eines menschlichen Daseins verrichten, sind überflüssig und also lächerlich, insofern sie auch noch mit ernster Miene vollbracht werden.
Es ist Arbeit, die sich um sich selber dreht. Man kann das auch Verwaltung nennen, wenn man es sachlich nimmt, oder Arbeit als Tugend, wenn man es moralisch nimmt.
Tugend als Ersatz für die Freude. Der andere Ersatz, da die Tugend selten ausreicht, ist das Vergnügen, das ebenfalls eine Industrie ist…
Das Ganze mit dem Zweck, der Lebensangst beizukommen durch pausenlose Beschäftigung, und das einzig Natürlich an diesem babylonischen Unterfangen, das wir Zivilisation nennen: dass es sich immer wieder rächt.

 

Ein Theaterstück das "zu früh" geschrieben worden ist

Als hätte er um die dem Stoff innewohnende zunehmende Brisanz immer gewusst, kam Max Frisch trotz, wie er es nannte, «respektabler Misserfolge» auf den Bühnen, von «Öderland» nicht ab. Dreimal hat er das Stück umgeschrieben, nach der Uraufführung wurde es in Zürich 1956 in überarbeiteter Form noch einmal gezeigt, eine weitere Version verfasst er 1961 in Rom. 1968 wurde es vom deutschen Fernsehen mit grosser Besetzung verfilmt. Der Erfolg hielt sich in Grenzen. Es war zu früh.

Liest man das Stück heute, mehr als fünfzig Jahre später, hat es erstaunlich gut gealtert, ja man ist verblüfft und überrascht, ob der Hellsichtigkeit, mit der Frisch das Phänomen der Gewalt schildert. Einer Gewalt, die sich plötzlich und ohne erkennbare Vorzeichen wider alle Konventionen und Gesetze im Leben eines Menschen Durchbruch verschafft.

«Graf Öderland ist kein Revolutionär. Er ist frustriert, er ist Teil einer nicht mehr lebbaren Gesetzeswelt, und aus dieser bricht das, was er an Vitalität hat, aus in die Gewalt, ins Kriminelle. Es ist eine völlig zielfreie, ziellose Explosion, eine Explosion, die ins Destruktive gehen muss»,
sagte Frisch vor 40 Jahren in einem Interview anlässlich der Verfilmung. Für Zeitgenossen einer Epoche, in der wohlbestallte Beamte und Bankangestellte eines Tages ihre Kollegen und Vorgesetzten mir nichts dir nichts über den Haufen schiessen, in der unauffällige Schüler zur Maschinenpistole greifen und Amok laufen und die Zeitungspalten regelmässig gefüllt werden mit Berichten über treusorgende Familienväter, die über Nacht ihre Familie ausgelöscht haben, ist «Graf Öderland» von einer schon fast unheimlichen Aktualität.

"Öderland" Wiederaufnahme mit der jungen Generation

Das hat offensichtlich auch eine junge Generation von Theatermachern und Regisseuren gemerkt. «Öderland» wird wieder gespielt, von freien Gruppen, Studententheatern, an Schauspielakademien und von talentierten Nachwuchsregisseuren.
Zum Beispiel von Achim Lenz. Der 31-jährige hat sich bereits in seinem Projekt T-A-N-N-Ö-D (nach dem Kriminalroman von Andrea Maria Schenkel), das 2008 mit den Max Reinhard-Preis ausgezeichnet wurde, mit einem «unerklärlichen» sechsfachen Mord beschäftigt.
Und jetzt also Öderland. Zu seiner Arbeit, die vom Theater Chur und vom Ringlokschuppen in Mühlheim an der Ruhr produziert wird, schreibt Lenz:

Unsere Arbeit ist nicht zufällig ein länderübergreifender Versuch. Die Schweiz und Deutschland sind Prototypen materialistischer Individualgesellschaften. Vielleicht ist es den Menschen in den vergangenen fünfzig Jahren hier wie dort noch nie so gut gegangen. Doch der Drang nach Individualisierung, nach Genuss und persönlicher Selbstverwirklichung – beschleunigt durch exzellent funktionierende Volkswirtschaften – scheint seinen Tribut zu zollen.

Was passiert, wenn jemand plötzlich «zur Axt greift» und seine eigene Welt über die der Mitmenschen stellt?

Welche Perversionen der Zeit führen zu dieser Art von Autonomie?

Und: Ist das Ziel der Selbstverwirklichung wirklich nur durch Opfer zu erreichen?»

Das sind Fragen, denen entlang Achim Lenz mit seinem fünfköpfigen Ensemble seinen «Öderland» entwickelt. Als Inspirationsquellen nennt er Filme wie «Falling Down» von Joel Schumacher und «Natural Born Killers» von Oliver Stone, die beide im Ruf der Gewaltverherrlichung stehen, aber auch Brechts allegorisches Spiel um Macht und Gewalt «Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui» und Bernard-Marie Koltès «Roberto Zucco», um den legendären italienischen Massenmörder, der im Stück sagt: «Ich bin ein normaler, vernünftiger Junge. Ich bin nie auffällig geworden. Ich bin kein Held. Helden sind Verbrecher.»

Im Zuge seiner reduzierten, verdichtenden Inszenierung, in der nichts den Blick vom Thema ablenken soll, hat Lenz Frischs Figurenarsenal von über zwanzig Personen auf fünf Hauptfiguren zusammengestrichen.
Zum Teil in Mehrfachbesetzungen wird das fünfköpfige Ensemble die Geschichte des Amok laufenden Staatsanwaltes erzählen. Die fünf Akteure sind Bürger und Vertreter von Recht und Ordnung, Täter und Opfer. Die Individualität des Einzelnen tritt zurück, zugunsten eines Ensembles, in dem jeder zu allem fähig ist. Auf diese Weise wird Frischs ungeheuerliches Setting vom Staatsanwalt mit der Axt in der Ledermappe wie in einem Experiment auf kleinstem Raum umgesetzt und auf erschreckende Weise konkret: Jeder könnte zur Axt greifen.

Die Tat, die wir Verbrechen nennen, am Ende ist sie nichts anderes als eine blutige Klage, die das Leben selbst erhebt. Gegen die Hoffnung, ja gegen den Ersatz, gegen den Aufschub…

Wo käme man hin, Madame, ohne Axt. Heutzutage. In dieser Welt der Papiere, in diesem Dschungel von Grenzen und Gesetzen, in diesem Irrenhaus der Ordnung...

(entnommen aus der Theaterzeitung, THEATER CHUR)

Fotos: Stephan Glagla