Zweite Mülheimer Fatzer Tage

Zweite Mülheimer Fatzer Tage

Pollesch | LIGNA | Vagn Lid

22. - 24.06.2012

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In Bertolt Brechts Fatzer Fragment desertiert eine Gruppe Soldaten von der Front des Ersten Weltkriegs, angeführt von dem charismatischen Johann Fatzer. In ihrem engen Versteck in Mülheim an der Ruhr warten die friedlosen Vier auf die deutsche Revolution – die niemals kommt. Das Warten wird zu einem Kampf um ihr Leben.

Seit 2008 beschäftigt sich der Ringlokschuppen mit Brechts „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ – in Zusammenarbeit mit Künstlern und Partnern, in unterschiedlichen Formen und Genres. Bei den Zweiten Mülheimer Fatzer Tagen stellen wir drei Inszenierungen und damit drei völlig verschiedene Umgangsweisen mit dem Material vor. Begleitend finden ein wissenschaftliches Symposium und Diskussionen statt.

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Fatzer

Bertolt Brecht | Regie: Tore Vagn Lid

Fr. | 22. Juni 2012 | 17.30 Uhr | Theater | Einzelticket | Double Bill [mit Pollesch]
Sa. | 23. Juni 2012 | 17.30 Uhr | Theater | Einzelticket
Triple Bill und LIGNA sind am Sa. ausverkauft, Vagn Lid & Pollesch noch Einzeltickets verfügbar!
In norwegischer Sprache mit deutschen Übertiteln!

DEUTSCHLANDPREMIERE

Das Fatzer Fragment ist eine von Brechts brutalsten und potentesten Skizzen, geschaffen in einer Zeit des existenziellen Konfliktes zwischen politischer Verpflichtung und individueller Selbstrealisierung, zwischen Genuss und Verantwortung, Sexualität und Solidarität.

Der norwegische Regisseur Tore Vagn Lid wagt die Rekonstruktion des Fragments zu einem Theaterabend, der am 25. Mai 2012 beim Bergen Festival in Norwegen zur Premiere kam. Tore Vagn Lid studierte und promovierte am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Er arbeitet als Autor und inszenierte zahlreiche Produktionen.

Spätestens, seit Brechts „Maßnahme“ in der Inszenierung des Bergener Regisseurs Tore Vagn Lid 2008 zum „Young Directors Project“ der Salzburger Festspiele geladen wurde, beobachtet die Szene aufmerksam, was in Bergen produziert wird.[…]

Regisseur Tore Vagn Lid hat auch für diesen Festspieljahrgang erneut Brecht inszeniert und sich an die Rekonstruktion des gewaltigen „Fatzer“-Fragments gewagt. Lid hat an der Theatermacher-Schmiede in Gießen studiert und beherrscht das ästhetische Vokabular und die technischen Finessen des derzeit handelsüblichen Theaters perfekt. Und doch findet er einen ganz eigenen Ton der Unverstelltheit, die frappierend direkt und klar wirkt.

[…]  Suggestiv setzt Tore Vagn Lid auch die selbst arrangierte, aufwändig bestückte Livemusik ein: Ein solistisch besetzter Chor intoniert Eisler, Schostakowitsch und Händel über rauschenden Klavierklängen, die Bergen Brass Band stimmt krachend Revolutionsmärsche an.

Eindride Eidsvold zeigt „Fatzer“ als virilen, schlitzohrigen, aber durchaus charismatischen Typen, dem das Klischee des triebgesteuerten Egoisten viel zu eng ist. Seine drei Mitstreiter sind scharf konturierte Typen, Hanne Dieserud ist eine ganz heutige „Therese“ der globalisierten Welt. Überhaupt ist der gute alte Brecht in Lids hinreißend gut getimter Inszenierung kein staubiges Thesentheater, sondern tatsächlich taufrisches politisches Theater.  Ohne jene Verkrampftheit, die man im deutschsprachigen Theaterraum bei dem Versuch, politisch zu werden, immer wieder durchleiden muss. Nein, Lid setzt ganz selbstverständlich, freilich mit aktuellen Werkzeugen, Brecht’-sche Theatermittel der Verfremdung ein, bleibt aber ganz unverblümt und schämt sich der Haltung nicht. Ganz ohne Ironie. Ein temporeicher, packender Abend.

taz.de | Regine Müller

Foto Thor Brødreskift

Eine Koproduktion von Transiteatret-Bergen und Bergen International Festival. In Zusammenarbeit mit dem Arts Printing House Vilnius, dem Rogaland Teater und dem Nationaltheater. Gefördert durch das Norwegian Arts Council, die Stadt Bergen, die Kunststiftung NRW und die Norwegische Botschaft.

www.norwegen.no/News_and_events/culture/performing/

Kill your darlings! Streets of Berladelphia

René Pollesch

Fr. | 22. Juni 2012 | 20.00 Uhr | Theater | Einzelticket | Double Bill [mit Vagn Lid]
Sa. | 23. Juni 2012 | 20.00 Uhr | Theater | Einzelticket
Triple Bill und LIGNA sind am Sa. ausverkauft, Vagn Lid & Pollesch noch Einzeltickets verfügbar!

Die besten Szenen werden Sie heute Abend nicht sehen, denn die würden wir alle nicht ertragen. Deswegen heißt der Abend: Kill your Darlings. Die besten Szenen werden wir heute Abend nicht zeigen, denn die könnten wir gar nicht ertragen. Ich auch nicht, ich könnte nie wieder ein Theaterstück spielen, und Sie könnten nie wieder in einen Theaterabend hineingehen, weil: Sie haben das Beste bereits gesehen, und Sie werden es nie wieder erleben, deswegen haben wir die Spitzen abgeschnitten, denn die sind nicht zu leben.

"Fabian Hinrichs katapultiert sich im Solo durch einen Text, der gleichzeitig hochbeschleunigtes Gedankenspiel, scheinbar privates Statement und, so Hinrichs das performt, vor allem eine große Freude ist. […] So lustig, klug, bei allen Selbstreferenzschleifen präzise in der Gesellschaftsdiagnose war das Theater lange nicht.“  Peter Laudenbach, Süddeutsche Zeitung, 20.01.2012

„Kill Your Darlings! Street of Berladelphia“ ist aktuell eingeladen zum Berliner Theatertreffen und zu den Mülheimer Theatertagen „Stücke 2012“.

Mit Fabian Hinrichs Chor Eduard Anselm, Johanna Berger, Christin Fust, Hannes Hirsch, Emma Laule, Ronny Lorenz, Martina Marti, Fynn Neb, Rudolph Perry Simone Riccio, Nicola Rietmann, Paula Schöne, Anna Smith, Lukas Vernaldi und Claudia Vila Peremiquel

Regie René Pollesch Bühne/Kostüme Bert Neumann Licht Frank Novak, Torsten König Dramaturgie Henning Nass

Eine Produktion der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin im Rahmen der Theaterpartnerschaft mit dem Teatro Stabile di Torino „Fatzer geht über die Alpen“. Gefördert im Fonds Wanderlust durch die Kulturstiftung des Bundes. Gefördert durch die Kunststiftung NRW.

Wessen Stadt ist die Stadt? Ein Aufstand

LIGNA

Sa. | 23. Juni 2012 | 15.00 Uhr | Theater | AUSVERKAUFT!
So. | 24. Juni 2012 | 17.00 Uhr | Theater | Einzelticket

ACHTUNG | Beginn in der "wertstadt"
Ladenlokal Leineweberstraße 15-17
[ehemals Matratzengeschäft, gegenüber dem ehemaligen Kaufhof] >> Hier ein Link zur Wegbeschreibung!

Die Mülheimer Innenstadt ist ein verwaister Raum. Die einstigen Kathedralen der Wünsche, die Kaufhäuser, stehen leer. Das Versprechen spektakulärer Wunscherfüllung ist selbst nur noch eine Wunschvorstellung. Doch die blinden Schaufensterscheiben erinnern an die vergangenen Aufstände, bei denen sich die Massen durch die Straßen drängten und hungrig zum Rathaus zogen: „Die Warenhäuser sollen voll, die Rathäuser sollen leer sein! Die Waren an alle! Den Wünschen die Straße!“ Wie lässt sich heute der Aufstand proben?

„Eine leichte, spaßige Erfahrung ist es, die den komplexen theoretischen Überbau mit Brecht, Fatzer und der Frage nach Stadtraum in den Hintergrund drängt. Dann erklingt lauter Applaus durch die Mall, Beifall für ein intensives Spiel.“ Julia Blättgen, WAZ, 08.10.2011

LIGNA existiert seit 1997 und besteht aus den Medien- und Performancekünstlern Ole Frahm, Michael Hüners und Torsten Michaelsen. Für Mülheim produzierten sie im Rahmen von SchlimmCity im letzen Jahr ein Radioballett zu den drängenden Fragen dieser Stadt.

Die Zuschauer sind vor allem Zuhörer und empfangen über Kopfhörer eine Choreografie von kollektiven und vereinzelten Gesten, die unvorhersehbare und vielleicht unkontrollierbare Effekte hervorbringen und so die Ordnung des Raumes herausfordern.

Gefördert durch die Kunsstiftung NRW.

Mülheimer Fatzerbücher

Gesprächsrunde

Sa. | 23. Juni 2012 | 14.00 Uhr | Buchvorstellung

Im August diesen Jahres erscheint die erste Ausgabe der "Mülheimer Fatzerbücher", eine Dokumentation der Inszenierungen, die im Rahmen der Fatzer Tage im Ringlokschuppen präsentiert werden. Mit Aufsätzen junger und arrivierter Wissenschaftler zu unterschiedlichen Themen, die Bertolt Brecht in seinem Textfragment berührt. Michael Wehren (Universität Leipzig), der den ersten Band gemeinsam mit Alex Karschnia herausgibt, spricht mit Holger Bergmann (Künstlerischer Leiter Ringlokschuppen) und Matthias Naumann (Theaterwissenschaftler, Dramaturg und Publizist) über Anlass, Inhalt und Ziele des neuen Festivals sowie der begleitenden Buchreihe.

Alexander Karschnia, Michael Wehren (Hg.):
Kommando Johann fatzer. Mülheimer fatzerbücher 1

Ort: Wertstadt | Leineweberstraße 15-17 | 45468 Mülheim
Eintritt:
frei!

Fatzermacher

Gesprächsrunde mit Theaterpraktikern

So. | 24. Juni 2012 | 10.00 Uhr | Diskussion

Mit Tore Vagn Lid, Transiteatret-Bergen | Ole Frahm, LignA, Berlin | Fabian Lettow, kainkollektiv, Bochum
Moderation: Prof. Dr. Patrick Primavesi, Universität Leipzig

Eintritt: frei!

Symposium

Räume, Orte, Kollektive: Topographien nach Fatzer

So. | 24. Juni 2012 | 11.30 Uhr | Diskussion

Mit Ole Frahm, LIGNA, Berlin | Dr. Ralph Fischer, Evang. Stadtakademie Römer 9, Frankfurt | Dr. Frank Ruda, Eva Heubach FU Berlin | Christine Standfest, Performerin und Theoretikerin, Wien | Michael Wehren, Universität Leipzig

Im Nirgendwo, in „eine[r] falsche[n] Gegend“, „an eine[r] Stelle der Welt“, die es erlaubt „drei Minuten“ nachzudenken, beginnt die Desertion: Fatzer scheißt auf die Ordnung der Welt und seine Kameraden machen es ihm zunächst nach. Brechts Fragment, das vom Untergang des Egoisten Johann Fatzer berichtet, untersucht dabei auch in immer neuen Ansätzen das Verhältnis von (Un-)Ordnung, (Ent-)Ortung und ihre Potentialität für die Verhandlung des Kollektiven.

So führt Fatzers Rundgang durch die Stadt Mülheim ihn auf die Szene der Menge und der Vielen, und richtet zugleich die Aufmerksamkeit auf den Gang selbst, mit dem Fatzer die Stadt vermisst. Die Stadt ist dabei zugleich der Ort eines neuen Menschen, des „Massemenschen“, dessen Konturen Johann Fatzer bereits in der Gegenwart zu erkennen glaubt. Der vermeintlichen Offenheit der Straße als eines Ortes des Kollektivs und der Menge steht währenddessen die Beengtheit der Kellerwohnung gegenüber, in der die Deserteure auf die Revolution warten und sich an die Gurgel gehen.

Doch nicht nur in der Vergangenheit der Geschichte liegen die Orte des Fatzer-Fragments. Als Ort eines zukünftigen Theaters beschreibt der Fatzer-Kommentar zum Beispiel das Pädagogium: „Wenn einer am Abend eine Rede zu halten hat, geht er am Morgen in das Pädagogium und redet die drei Reden des Johann Fatzer. […] wenn einer am Morgen einen Verrat ausüben will, dann geht er am Morgen in das Pädagogium und spielt die Szene durch, in der ein Verrat ausgeübt wird. Wenn einer abends essen will, dann geht er abends in das Pädagogium und spielt die Szene durch, in der gegessen wird.“ Das Fatzer-Fragment stellt Fragen nach einer theatralen und performativen Praxis außerhalb des geschlossenen Repräsentationsraums des Theaters und erweist sich als Frage nach dem Ort des Theaters überhaupt. Und nicht zuletzt ist da der durch Brechts Schreiben entstehende Text-Raum des Fragments selbst, der die Frage des Kollektivs verhandelt.

„Die Erkenntnis kann an einem anderen Ort gebraucht werden, als wo sie gefunden wurde.“ – diese Notiz aus dem Fatzer-Fragment nimmt das Symposion als Einladung, gemeinsam der Verbindung von Räumen, Orten und Kollektiven nachzuforschen. Denn, so die These: Die Frage nach dem Raum und dem Ort ist im Fatzer-Fragment zugleich eine Frage nach dem Kollektiv, seinem Auftritt ebenso wie seiner Abwesenheit oder seiner Konstitution. Brechts Notiz folgend wird zugleich nach den Möglichkeitsräumen zu fragen sein, die sich an der Schnittstelle von gegenwärtigen Aufführungs- oder Inszenierungsformen und Brechts vielleicht radikalstem Experiment öffnen. Wo und wie können die Widersprüche, Paradoxien und Spannungen, die Brecht in Fatzer festhält heute gebraucht und produktiv gemacht werden? Welche Perspektive erlauben neuere theoretische wie praktische Ansätze für die Beschäftigung mit Brechts Text und welche Perspektiven eröffnet Brechts Text für die Gegenwart?

Anmeldung zum Symposium, Kartenreservierung und Informationen:
Tobias Fritzsche fon 0208 99316-10
mail tobias.fritzsche(at)ringlokschuppen.de
Christine Klingbiel fon 0208 99 316-11
mail christine.klingbeil(at)ringlokschuppen.deteresa.kuenstler@ringlokschuppen.de

Eintritt: frei mit Anmeldung!