Dritte Mülheimer Fatzer Tage

Theater, Performance und Symposium

Foto: Ramon Haindl

20. & 21. Juli 2013

Brechts Fatzer ist ein visionärer Text, ein Text für die Gegenwart. Entstanden zwischen 1926 und 1930 verhandeln die Szenen, Chöre und Kommentare die aktuellen Fragen einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. Der Bestand jedes zivilisatorischen Guts, jedes gesellschaftlichen Fortschritts ist ungesichert. Dabei führen die sozialen, politischen und ökonomischen Probleme immer wieder zu der Frage, wie wir zusammen leben wollen. Und wie wir dorthin gelangen könnten, denkend und handelnd. 

Seit 2011 bringen die Mülheimer Fatzer Tage jedes Jahr ganz unterschiedliche theoretische und praktische Auseinandersetzungen mit Fatzer, mit dem Politischen und den Verhältnissen der Gegenwart zusammen. Fatzer als gemeinsamer Denkgrund.

Im Zentrum der dritten Fatzer Tage steht das Verhältnis von Gemeinschaft und Einzelnen als historische und aktuelle Frage. In einem Open Call wurde um szenische Vorschläge gebeten, von denen drei für das diesjährige Festival produziert wurden: Schauf/Millner untersuchen Fatzer als Lehrstück, die Europäische Gemeinschaft für Kulturelle Angelegenheiten findet Fatsa/Koina in Athen und Katrin Hylla kommt auch als Einzele ganz gut zurecht.
Darüber hinaus sind die Fatzer-Arbeiten des Hessischen Landestheaters Marburg und von P14, dem Jugendtheater der Volksbühne Berlin zu sehen.

Beim diesjährigen Symposium stellen Martin Kaluza, Claas Morgenroth, Juliane Spitta und Mayte Zimmermann historische und aktuelle Überlegungen zur Gemeinschaft zur Diskussion. Dokumentiert und erweitert werden Vorträge und Aufführungen der Fatzer Tage in denseit 2012 erscheinenden Mülheimer Fatzerbüchern.

Matthias Naumann, Matthias Frense

Bertolt Brecht: Fatzer
Hessisches Landestheater Marburg

Theater | Sa. 20. / So 21. Juli, 19.30 Uhr

CHOR: „Arm und reich sind immer gewesen“
FRAU KAUMANN: „Aber sie sollen nicht immer sein“

Die Frage nach einer gerechten und menschenfreundlicheren Gesellschaft steht im Mittelpunkt der Inszenierung des Theater Marburg. Regisseur Stephan Suschke, der bereits 1993 mit Heiner Müller bei dessen „Fatzer“- Inszenierung in Berlin zusammengearbeitet hat, komprimiert mit seiner Inszenierung des umfangreichen Fragments auf eine Stunde.

"Es gibt eine Formulierung von Hanns Eisler: Wenn den Arbeitern die Hummersuppe zu den Ohren rauskommt, werden sie wieder über den Sozialismus nachdenken. Abgesehen davon, dass der Sozialismus als Begriff für lange Zeit diskreditiert ist – leider zu Recht – finde ich, dass es die vornehmste Aufgabe des Theaters ist, darüber nachzudenken, wie andere Formen des Zusammenlebens aussehen könnten und dies spielerisch zu ergründen. Auch wenn wir ,negative’ Vorlagen liefern, wird dahinter die Sehnsucht nach einer anderen Welt deutlich, muss deutlich werden. So wie sie ist, ist die Welt nicht gut. Es ist, als hätte es 2000 Jahre Kultur nicht gegeben, als hätten wir vergessen, was die Losung der Französischen Revolution war. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: eine uneingelöste Forderung in dieser noch immer nicht bürgerlichen Welt." Stephan Suschke

Die poetische Kraft der Sprache Brechts kommt in der auf das Wesentliche reduzierten, abstrakten Raumsituation voll zur Geltung. Nahtlos und kraftvoll verzahnt sich der Chor aus Marburger Schülerinnen und Schülern mit den vier Profischauspielern. Die Offenheit des Fragments und die darin implizierte Einladung an den Zuschauer, die Bruchstücke mit den Impulsen des eigenen Denkens und Fühlens zu verbinden, bleibt dennoch bewahrt.

Foto: Ramon Haindl

Fleisch - ich bin ich du bist du und es geht schlecht
P14 Jugendtheater der Volksbühne Berlin

Theater | So. 21. Juli, 17.00 Uhr

Was bedeutet es, wenn der Krieg in uns tobt und es nicht möglich ist von den eigenen Ängsten loszukommen? Inspiriert von Berthold Brechts „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ begibt sich das Jugendtheater-Ensemble p14 der Berliner Volksbühne in ein unvergleichbares Spannungsfeld zwischen Anpassung und Abgrenzung, Individualität und Egoismus. Wie Brechts Fatzer ringt das Ensemble dabei mit seinem eigenen Leben, nutzt Fragmente, Gedanken und Zustände, um das Mysterium des eigenen Daseins zu begreifen.

„Fleisch-ich bin ich du bist du und es geht schlecht“ wurde im letzten Jahr zum 23. Bundestreffen „Jugendclubs an Theatern“ und zum Theatertreffen der Jugend im Haus der Berliner Festspiele eingeladen.

Eine Produktion der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin im Rahmen der Theaterpartnerschaft mit dem Teatro Stabile di Torino "Fatzer geht über die Alpen", gefördert im Fonds Wanderlust durch die Kulturstiftung des Bundes.

Foto: Dave Grossmann

Fatzer-/Kommentar/Versuch/Lehrstück/Fragment
Schauf/Millner

Performance | Sa. 20. Juli, 21.00 Uhr

Laut Brecht enthält der Fatzer „Ansichten (Theorien), die für den kollektivistischen Staat und den Weg dorthin: die Revolution nötig sind.“ Ausgehend von der Gruppe um Fatzer, die auf die erhoffte Revolution wartet, unternehmen Schauf/Millner eine szenische Erkundung des Fragments, indem sie es mit Brechts Anmerkungen zum Lehrstück betrachten. Sie greifen das Problem des Einzelnen mit dem WIR der Gemeinschaft auf und werfen einen Blick auf ein Volk, das noch fehlt.

FATSA/KOINA: Athen
EGfKA

Theater | So 21. Juli, 14.00 Uhr

FATSA (ugs. neugr.: Gesicht)
KOINA (altgr.: Gemeinschaft; neugr. gemeinsam)
„Wie früher Geister kamen aus Vergangenheit So jetzt aus Zukunft, ebenso“ (Brecht: Fatzer)

Fünf Menschen, unter ihnen FATSA und KOINA, fliehen aus dem (alltäglichen) Krieg im globalen Süden in den reichen und friedlichen Norden. Als mittellose Illegale stranden sie in der fremden Stadt Athen, der Eintrittspforte in die Festung Europa. Doch hier herrscht Krise! Die Menschen hungern, weil sie sich nichts mehr zu essen kaufen können, sie frieren, weil sie kein Holz haben. In der Gesellschaft rumort es: Demonstrationen, Streiks, Kämpfe. Barrikaden brennen, Steine fliegen. Tränengas und Molotowcocktails. Die Zeichen stehen auf Sturm, es riecht nach Veränderung: Hier und jetzt könnte etwas passieren. Das ist die Hoffnung der Fünf, ihr einziger Ausweg: Der kommende Aufstand, der alle wirklich frei und gleich macht. Doch an den Auseinandersetzungen in den Straßen können sie sich nicht beteiligen, zu groß ist die Gefahr, entdeckt und ausgewiesen oder in eines der berüchtigten Lager gesteckt zu werden. Sie müssen unsichtbar bleiben. So verharren sie im Untergrund und warten. Die Differenzen werden sichtbarer, die Stimmung bedrohlicher, die Situation für die illegalen Fremden gefährlicher. Statt der erhofften Revolution zieht die Goldene Morgenröte auf. Die Aktualität der durch Brechts Fatzer-Material ausgelösten Fragen erscheinen durch die geographische Versetzung/ Überlagerung von Mülheim nach Athen und wieder zurück in ihrer ganzen Dringlichkeit und deuten zugleich an, dass es nur eine Frage der Zeit sein könnte, bis Athen überall ist.

Im März 2013 war das FATSA/KOINA: Athen-Team zu Recherchezwecken für drei Wochen in Athen und hat im besetzten Embros Theater mit griechischen Schauspieler*innen, Sozialarbeiter*innen, Lehrer*innen und Geflüchteten das Fatzer-Fragment als Versuchsanordnung dafür verwendet, kollektive Alternativen des Zusammenarbeitens und -lebens zu erproben.

Foto: Björn Stork

You can wash all thar shit away
Katrin Hyalla

Performance | So 21. Juli,15.30 Uhr

Ich habe eure farbigen T-Shirts getragen, mit Aufschrift, ohne Aufschrift. Ich habe mir euren Initiationshaarschnitt verpassen lassen. Ich sah aus, wie eine von euch. Und doch konnte ich keine Übereinstimmung finden. Manchmal nicht mal Ähnlichkeit. Was bringt das Kollektiv denn hervor? Hat bei euch nicht auch nur einer das Manifest geschrieben und die anderen nur stellenweise umformuliert? Ja, du bist stärker im Verein. Die Konkurrenz ist groß, der Markt unerbittlich und das Kollektiv ein warmer Familienschoß. Ich sage: Hier wird kein bürgerlicher Individualismus durchbrochen, hier werden ökonomische Zusammenhänge kaschiert. Gemeinschaft ist nicht ‚Mehr- werden‘, sondern Abgeben, Sich-aufgeben, Weniger werden, damit man zu mehreren sein kann. Ich mach jetzt mal was alleine. Und das ist gar nicht romantisch.

Symposium: In Gemeinschaft und als Einzelne_r

Sa. 20. Juli, 13.00 Uhr

Fatzer ist eine Auseinandersetzung mit Gemeinschaften, ihrer Konstruktion und ihrem Auseinanderfallen, und mit dem/der/den Einzelnen, die Gemeinschaften bilden und in ihnen nicht aufgehen. Der Einzelne stellt Möglichkeit und Grenze der Gemeinschaft dar – wie Fatzer, der, z.B. bei der Desertion und der Suche nach Essen, die Gemeinschaft der Vier zugleich ermöglicht und gefährdet. Das Symposium wird Gemeinschaftsvorstellungen der 1920er Jahre, der Entstehungszeit des Fatzer, und von heute in den Blick nehmen, zueinander ins Verhältnis setzen und auf gegenwärtiges Theater und politisches Handeln beziehen.

Vorträge von Martin Kaluza, Claas Morgenroth, Juliane Spitta und Mayte Zimmermann.

SAMSTAG 20. Juli

13:00 Uhr | Symposium: In Gemeinschaft und als Einzelne_r
19:30 Uhr | Theater: Fatzer | Bertolt Brecht | Hessisches Landestheater Marburg
21:00 Uhr | FATZER-/KOMMENTAR/VERSUCH/LEHRSTÜCK/FRAGMENT | Schauf/Millner

SONNTAG 21. Juli

11:00 Uhr Künstler*innengespräch, moderiert von Prof. Dr. Nikolaus Müller-Schöll
14:00 Uhr | Theater: FATSA/KOINA: Athen | EGfKA
15:30 Uhr | Performance: You can wash all that shit away | Katrin Hyalla
17:00 Uhr | Theater: FLEISCH- ich bin ich du bist du und es geht schlecht | P 14 Jugendtheater der Volksbühne Berlin
19:30 Uhr | Theater: Fatzer | Bertolt Brecht | Hessisches Landestheater Marburg

So waren die Fatzertage 2012 und die Fatzertage 2011.

Die Dritten Mülheimer Fatzer Tage werden gefördert durch