Vierte Mülheimer Fatzer Tage

Theater, Performance und Symposium

Es ist Krieg, vor hundert Jahren und heute. Während aus den Stellungen des Ersten Weltkriegs die Soldaten zu entkommen versuchten, ergreift heute der Krieg oft jeden Ort eines Landes und macht die Zivilbevölkerung zu Flüchtlingen. Kriege sind Bewegungen hin zu und fort vom Ort des Gefechts, des Tötens und Sterbens. Das Theater scheint dabei „weit vom Schuss“ und bietet doch seit jeher einen Ort der Reflexion über unser Verhältnis zu Kriegen an, denen wir durch Erinnerung, durch Waffenexporte und politische Interessen verbunden sind.

In Bertolt Brechts Fatzer-Fragment ist der Krieg ein zentraler Bezugspunkt. Im Blick zurück nach vorn hinterfragen die Vierten Mülheimer Fatzer Tage die Figuren von Freund und Feind und die Ziehung von Fronten heute. Und wie sich der Krieg abbrechen lässt – auch diese Frage gilt weiter.

Neben Produktionen von Futur II Konjunktiv sowie andcompany&Co. werden Inszenierungen von jungen Theaterschaffenden der Ernst-Busch-Hochschule Berlin, der Angewandten Theaterwissenschaft Gießen und der Szenischen Forschung der Ruhr-Universität Bochum zu sehen sein.

Bild: Jan Brokof (Bühnenbildner bei andcompany&Co.)

Fatzer: Eine Zeremonie
Futur II Konjunktiv

Theater | Fr. 11. Juli, 20.00 Uhr / Sa. 12. Juli, 19.00 Uhr

In einem zukünftigen Staat, am Vorabend einer wichtigen politischen Versammlung: Vier Priesterinnen vollziehen eine Zeremonie, die den Gründungsmythos der Gesellschaft immer wieder zur Aufführung bringt – die Geschichte des Johann Fatzer. Im Zentrum stehen die beiden Handlungen, auf die sich die neue Gesellschaft gegründet hat: die sexuelle Selbstbestimmung Therese Kaumanns sowie die Tötung/Opferung Fatzers durch seine drei Kameraden, die er zuvor verraten hat.

Die Inszenierung folgt dem Gedanken eines durchgängig musikalisch-rhythmisch geordneten Rituals und stellt die Chöre und erzählenden Passagen des Fragments von Bertolt Brecht in den Mittelpunkt. Die liturgisch-kultische Situation erkundet die Grenzen von Kollektivität, von Einzelnen und Gemeinschaft, von Chor und Gegenchor.

EINE KOPRODUKTION VON FUTUR II KONJUNKTIV MIT DEM RINGLOKSCHUPPEN RUHR UND DEM BALLHAUS OST. GEFÖRDERT DURCH DIE KUNSTSTIFTUNG NRW UND DAS BEZIRKSAMT BERLIN PANKOW, AMT FÜR WEITERBILDUNG UND KULTUR – FACHBEREICH KUNST UND KULTUR.

Foto: Cameron Matheson

Sounds like War: Kriegserklärung
andcompany&Co.

Lecture-Performance | Sa. 12. Juli, 21.00 Uhr

Der Erste Weltkrieg begann noch mit der alten Dramaturgie: der Kriegserklärung. Seither werden Kriege immer weniger von souveränen Staaten geführt. Vielmehr begann 1914 eine Periode internationaler Bürgerkriege, die bis heute nicht beendet wurden. Denn: Wie endet man einen Krieg, den keiner erklärt hat?

andcompany&Co. sind Sprachspieler, Sinn-Sampler und Bilder-Bastler. Sie haben Brechts Fatzer-Fragment über vier Deserteure des Ersten Weltkriegs bereits mit Kindern in Mülheim und mit brasilianischen Schauspieler*innen in São Paulo auf die Bühne gebracht. In ihrem neuesten Lecture-Concert gehen sie von der Doppeldeutigkeit des deutschen Wortes Kriegserklärung aus und richten die Bühne in Hommage an den Schriftsteller E. E. Cummings als „ungeheuren Raum“ ein. Es entsteht ein Schlachtenlärm, der vielen StimmenRaum gibt – als Alternative zum sogenannten Konzert der europäischen Großmächte.

Eine Produktion von andcompany&Co., Theaterformen, Kaaitheater und LIFT Festival London (präsentiert vom Battersea Arts Centre im Auftrag von LIFT, Festival Theaterformen, 14-18 NOW, WW1 Centenary Art Commissions. Ein House on Fire-Projekt, mit Unterstützung des Kulturprogramms der Europäischen Union und des National Lottery Fund durch den Heritage Lottery Fund sowie den Arts Council England.

Foto: Andreas Etter
Foto: Björn Stork

Fatzer & Selbstkritik der KGI
kubisch&meder&stornowski&vogt & ein Kinderchor

Theater | 13. Juli, 13.00 Uhr

Die Welt ist entweder harmonisch und ganz oder sie ist ein schreckliches, sinnloses Chaos, dem das einzelne, unverstandene und einsame Individuum ohnmächtig gegenübersteht. Sie darf nur eines nicht sein: veränderbar. Man darf nur eines nicht verstehen: dass sie eine politisch-ökonomische Produktion ist. Man darf nicht bemerken, dass Krieg herrscht. Ein Krieg von einem Prozent geführt, von 99 % ausgetragen.

Foto: Björn Stork

Absagen an Krieg
Helene Ewert & Julia Nitschke

Ausstellung in der dezentrale | Rundgang: 13. Juli, 14.30 Uhr

Helene Ewert und Julia Nitschke aus Bochum verfassen Absagen an Personen, die direkt oder indirekt in kriegerische Handlungen verstrickt sind, und recherchieren Kriegsspuren in Mülheim an der Ruhr. Ihre Arbeit, wie die Brechts am Fatzer-Fragment, wird nie beendet werden. Dennoch entsteht Stück für Stück eine Ausstellung in der dezentrale des Ringlokschuppen, in die die Künstlerinnen bereits ab dem 16. Juni zum Austausch über Kriegserfahrungen und -ängste einladen. Ihr Blog bringt ihre Erlebnisse und Ergebnisse zusammen: absagenankrieg.tumblr.com.

Foto: Björn Stork

DIY-Fatzer
Tilman Aumüller, Jacob Bussmann, Bettina Földesi und Ruth Schmidt

Performance | So. 13. Juli, 16.00 Uhr

Wir leben heute wohl in einem friedlicheren Europa als früher. Die strukturelle Gewalt, die Brecht im Weltkrieg als Ausdruck eines Klassenwiderspruches analysiert, ist aber weiter am Werk. Sie ist in das Innere der Individuen hinein gewandert und dort kaum zu übersehen: Wir wollen der Individualität und einem selbst aufgestellten Lustimperativ folgen; wir sollen genau das tun, was wir wirklich wollen. Wir fühlen uns selber schuld und beuten uns selber aus, um unsere Schulden zu bezahlen. Schuldenkrise und Burnout deuten an, dass der äußere Krieg zu einem inneren Kampf geworden ist.

Symposium "Krieg"

Sa. 12. Juli, 13.00 Uhr | Moderation: Ulrike Haß 

Sebastian Kirsch, Theaterwissenschaftler (Wien/Bochum): Nahtstelle Massemensch. Über Fatzers Aggregate

Matthias Naumann, Theaterwissenschaftler (Berlin): „Weit vom Schuß“. Politische und Darstellungsfragen im Verhältnis von Krieg und Theater

Jens Warburg, Sozialwissenschaftler (Offenbach am Main): Das Chamäleon Krieg

Nora Markard, Rechtswissenschaftlerin (Bremen): Fatzer: Ein Flüchtling? Desertion und Kriegsgewalt im Lichte des internationalen Flüchtlingsrechts

FREITAG, 11. Juli

20 Uhr Bertolt Brecht / FUTUR II KONJUNKTIV: Fatzer  - eine Zeremonie

SAMSTAG, 12. Juli

13-18 Uhr Symposium "Krieg"
19.00 Uhr Bertolt Brecht / FUTUR II KONJUNKTIV: Fatzer  - eine Zeremonie 
21.00 Uhr andcompany&Co.: Sounds like war:Kriegserklärung

SONNTAG, 13. Juli

13.00 Uhr kubisch&meder&stornowski&vogt & ein Kinderchor: FATZER & Selbstkritik der KGI
14.30 Uhr Helene Ewert & Julia Nitschke: ABSAGEN AN KRIEG
16.00 Uhr Tilman Aumüller, Jacob Bussmann, Bettina Földesi und Ruth Schmidt: DIY-Fatzer
17.30 Uhr Gespräch mit allen Künster*innen & Ulrike Haß

Die Mülheimer Fatzer Tage

Erste Mülheimer Fatzer Tage 2011
andcompany&Co., Junge Performer Mülheim, Spinnwerk / Centraltheater Leipzig

Zweite Mülheimer Fatzer Tage 2012
René Pollesch / Volksbühne Berlin, LIGNA, Tore Vagn Lid / Bergen Festival Norwegen

Dritte Mülheimer Fatzer Tage 2013
Schauf/Millner, EGfKA, Katrin Hyalla, P 14 Jugendtheater der Volksbühne Berlin, Stephan Suschke / Hessisches Landestheater Marburg

Die Mülheimer Fatzer Bücher sind erschienen im Neofelis Verlag.

Die Mülheimer Fatzer Tage 2014 werden gefördert von