PROMETHEUS ENTFESSELN! | EGfKA

12.+16.+18. April 2015

Ein Zukunftslabor der EGfKA.

Prometheus stiehlt für die Menschen das Feuer und wird dafür von Zeus an einen Felsen geschlagen. Im gefesselten Hüter des Wissens vom zukünftigen Ende der olympischen Herrschaft entdeckt die EGfKA, eine Gruppe junger Wissenschaftler*innen und Künstler*innen, ihren Helden. Denn heute gilt es dringlich, Zukunft wieder anders zu denken: Die Produktivkräfte sinnvoll und gerecht für alle nutzbar zu machen, Technologie und Wissen als Sprungbrett für gesellschaftliche Emanzipation zu begreifen. Die Produktivkräfte entfesseln heißt: Prometheus entfesseln!

Dividuum
So. 12. April 2015 | 19.00 Uhr
Auftakt Keynote: Gerald Raunig

Zukunftsgespräch
Syriza, Podemos: Braucht es einen linken Populismus?

Do. 16. April 2015, 20.00 Uhr
Gäste: Thomas Ebermann, Raul Zelik

Zukunftssymposium
An der Schnittstelle zwischen Kunst, Theorie und Politaktivismus: Kollaborationen im Prekären
Sa. 18. April 2015, 15-18 Uhr

Prometheus entfesseln!
Sa. 18. April 2015, 20.00 Uhr
Lecture Performance

Keynote -Gerald Raunig:
Dividuell-maschinischer Kapitalismus und molekulare Revolution

Die jahrhundertelange Konjunktur des Individuums gerät ins Wanken. Es beginnt das Zeitalter des Dividuellen. Die schlechte Nachricht von Gerald Raunigs Philosophie der Dividualität ist, dass sich das Dividuelle im maschinischen Kapitalismus vor allem als Verschärfung von Ausbeutung und Indienstnahme zeigt: In Algorithmen, Derivaten, Big Data und Social Media wirkt Dividualität als ausufernde Erweiterung von herrschaftlicher Teilung und Selbstzerteilung. Die gute Nachricht: Genau auf dem Terrain des Dividuellen wird auch eine neue Qualität von Widerstand möglich, als kritische Mannigfaltigkeit, molekulare Revolution und Con-division.

Gerald Raunig, Philosoph und Kunsttheoretiker, arbeitet an der Zürcher Hochschule der Künste und am eipcp (European Institute for Progressive Cultural Policies). Er forscht über Kunst und Revolution, Fabriken des Wissens und Industrien der Kreativität im kognitiven Kapitalismus. Einen besonderen Platz in seinem Denken nimmt die Auseinandersetzung mit dem Konzept der Maschine ein.

Zuletzt erschienen: DIVIDUUM. Maschinischer Kapitalismus und molekulare Revolution, Band 1, Wien: transversal texts 2015.

 

Zukunftsgespräch
Syriza, Podemos: Braucht es einen linken Populismus?

Gäste: Thomas Ebermann, Raul Zelik.

Gerade verschieben sich knirschend die politischen Koordinaten Europas. In Griechenland hat Syriza die Parlamentswahlen gewonnen. In Prognosen für die spanische Wahl im Herbst liegt Podemos vorne. Es ist das erste Mal, dass das europäische, deutsch dominierte Krisenregime auf dieser Ebene in Frage gestellt wird. Ein Gespenst geht um – alptraumhafter Geisterfahrer für Liberale, Auferstehung einer Hoffnung und Vorschein eines europäischen Frühlings für viele Linke.

Wie schätzen wir die Situation ein? Wie erscheint sie auf der Folie einer prometheischen Politik (oder umgekehrt)? Immerhin werden hier die horizontalen Strukturen, die basisdemokratischen Prinzipien und Parteienferne, welche die Krisenproteste der ersten Etappe auszeichneten und global so attraktiv machten, aufgegeben oder – um vertikale, zentralisiertere, institutionelle Politikformen – ergänzt.

Was tun? Ohne seine Antwort teilen zu müssen, gewinnt die von Lenin aufgeworfene Frage, wie sich Widerstand nicht nur denken, sondern auch durchsetzen lässt, in diesem Moment, der ein historischer Wendepunkt sein könnte, eine enorme Dringlichkeit. Es gilt, dieser Frage nicht durch eine vage Bejahung auszuweichen – im Sinne von: Was tun! Engagiert euch! etc. – , sondern uns zu fragen, was und wie man es (das Politische) tun muss oder möchte. (Wie) lässt sich Widerstand effektiv organisieren? (Wie) können wir uns organisieren, um unsere widerständigen Potentiale virulent zu halten und zu stärken, ohne sie an das System zu verraten, aber dennoch zu Erfolgen, einem gesellschaftlichen Fortschritt, zu führen?

Der Politikwissenschaftler und Autor Raul Zelik, der nach einigen Jahren politischen Engagements bei der Gruppe FelS (Für eine linke Strömung) nun Mitglied der Partei Die Linke geworden ist, meint: Dabei kommt es weniger auf Tsipras und seine Verwaltungsmaßnahmen an, das Entscheidende des Augenblicks sei das demokratische Aufbegehren gegen die Alternativlosigkeit der Verhältnisse. Die griechische Wahl habe ein neues Feld, einen Raum eröffnet, der offen und ansteckend bleiben muss und über den wir reden müssen.

Thomas Ebermann war schon einmal an der Gründung einer Partei beteiligt, die sich als grundlegende Alternative verstand. Vor knapp 40 Jahren ging er von der K-Gruppe „Kommunistischer Bund“ zur Partei „Bunte Liste“, die 1981 in der Grün-Alternativen Liste aufging. Er muss die Grünen, zumindest potentiell, für eine radikale Partei gehalten haben und saß bis 1988 für sie im Bundestag. „Wir dachten damals, wir könnten den Tiger reiten“, meint er in einem Interview (prager frühling). 1990 hatten sich jedoch die sogenannten „Realos“ durchgesetzt. Dennoch mag Ebermann sich nicht zu einer Aussage durchringen, dass ab jetzt Revolutionäre nie wieder in Parlamenten sitzen dürften.

Zelik und Ebermann werden spielerisch miteinander und mit dem Publikum ins Gespräch gebracht. Die Spielregeln: Gespielt werden zwei Halbzeiten à 45 Minuten. In der ersten Halbzeit ziehen die beiden Diskutanten aus einer Lostrommel verschiedenfarbige, nummerierte Bälle. Die jeweiligen Nummern verweisen auf Zitate, Fragen und Stichworte. Diese Materialien regen die Diskutanten zu Statements an, für deren Ausführung sie drei Minuten Zeit haben – dann pfeift die Schiedsrichterin ab. Während dieser ersten Halbzeit hat das Publikum die Möglichkeit, Gedanken, Fragen und Kommentare auf ausgelegte Karten zu notieren, welche die Diskutanten dann in der zweiten Halbzeit beantworten müssen. Dabei ist dieses Spiel nicht auf Wettkampf, sondern vielmehr auf Austausch von Erfahrungen und der Schaffung eines transnationalen Netzwerks ausgerichtet.

 

Zukunftssymposium

Margarita Tsomou ist Kulturwissenschaftlerin, Journalistin, Performerin und Tänzerin sowie Herausgeberin des popfeministischen Missy Magazine. Sie war Stipendiatin des Graduiertenkollegs ‚Teilhabe und Versammlung’ der Hafen City Universität Hamburg und engagiert sich gegen die Austeritätspolitik der ‚Institutionen‘ (formerly known as Troika) und für Sexarbeiter*innen.

Manuela Zechner ist Wissenschaftlerin, Kulturarbeiterin und Kulturvermittlerin. Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf Übersetzungen, Mikropolitik und Sozialer Bewegung. 2005 begründete sie das Projekt the future archive (www.futurearchive.org) in dessen Rahmen sie derzeit die zukunftsbasierte Dokumentation „Remembering Europe“ entwickelt.

 

Lecture Performance

Am Samstagabend besteigen wir das SPACESHIP, an dem wir die Woche über geschraubt und getüftelt haben. Wir werfen die MASCHINEN an, schlüpfen in unsere Raumanzüge, NAVIGIEREN durch TIME und SPACE. Maximale BESCHLEUNIGUNG - der Auftrag: PROMETHEUS ENTFESSELN! They used to call it the Future. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Utopien Hochkonjunktur. Künstler, Ingenieure, Revolutionäre: Alle wollten sie die Zukunft einer (vermeintlich) befreiten Gesellschaft entwerfen und buchstäblich nach den Sternen greifen. Leitmotive waren der Flug des Menschen bis hin zur Raumfahrt als Bezwingung der Natur und die Hochzeit von Mensch und Maschine. Futuristische Vorstellungen drahtloser Imagination und Radiotheorien, die die Trennung zwischen Produzent_innen und Rezipient_innen aufheben wollten, antizipierten das emanzipatorische Potential des Internets. Es gilt, das eigene(zeitliche) Verhältnis zur Utopie zu hinterfragen. Denn dieser Krieg geht noch immer gegen uns. Mit unseren Klicks wird unsere Position bekämpft. Die Rache des Siliziums an der Kohle ist nicht, dass jede Zeche im Pott heute ein Kulturverein ist, sondern dass wir - wie Prometheus - gelernt haben, unsere Fesseln zu lieben. Den parasitären Adler, der auf uns scheißt, füttern wir mit unserem Innersten. Um diese (goldenen) Fesseln zu sprengen – für den großen Sprung nach vorn – nehmen wir Anlauf in der Geschichte: Können wir, wie es ein österreichisches Arbeiterlied fordert, nach all den Katastrophen der Moderne, heute immer noch der Zukunft getreue Kämpfer_innen sein? (EGfKA)