play:FATZER_vol.3

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Wiederaufnahme am 27. April 2011 im Rahmen der Ersten Mülheimer Fatzer Tage

Premiere am 29.07.2010

Vier junge Männer desertieren von der Front des Ersten Weltkriegs, weil sie ihr Leben nicht für die politischen Ideale anderer lassen wollen: „Ich mache keinen Krieg mehr, sondern ich gehe jetzt heim gradewegs, ich scheiße auf die Ordnung der Welt. Ich bin verloren.“ Sie lassen den Krieg hinter sich und steigen aus. Das Schicksal führt sie nach Mülheim. Der Hunger nach Nahrung und Zuneigung prägt ihre Tage und führt schnell zu Konflikten innerhalb der Gruppe: Fatzer ist der individualistische Anführer, auf dessen Fähigkeiten die Gruppe angewiesen ist, der sich gleichzeitig aber gegen sie wendet: So sorgt er für Nahrung, vergeht sich aber auch an der Frau des Freundes.

Fotos: Stephan Glagla

Hatte man nicht bei Kriegsende bemerkt, dass die Leute verstummt aus dem Felde kamen? nicht reicher – ärmer an mitteilbarer Erfahrung. Was sich dann zehn Jahre später in der Flut der Kriegerbücher ergossen hatte, war alles andere als Erfahrung gewesen, die von Mund zu Mund geht. Und das war nicht merkwürdig. Denn nie sind Erfahrungen gründlicher Lügen gestraft worden als die strategischen durch den Stellungskrieg, die wirtschaftlichen durch die Inflation, die körperlichen durch die Materialschlacht, die sittlichen durch die Machthaber. Eine Generation, die noch mit der Pferdebahn zur Schule gefahren war, stand unter freiem Himmel in einer Landschaft, in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken und unter ihnen, in einem Kraftfeld zerstörender Ströme und Explosionen, der winzige, gebrechliche Menschenkörper.

Walter Benjamin, Erfahrung und Armut (1933)

Die totale Zerstörung des Ersten Weltkriegs spiegelt Brecht in der Form von "Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer": Er belässt das Stück als Fragment und entscheidet sich, die Ergebnisse und Notizen der verschiedenen Arbeitsphasen unfertig zu veröffentlichen - ein „Steinbruch“. Die subjektive Position und Weltsicht verbleibt durch die Kriegserfahrung als die einzig mögliche.

Inszenierung & Raum kainkollektiv (Mirjam Schmuck, Fabian Lettow) & Anna Koch

es spielen Die Jungen Performer Mülheim - Jasmina Eichwald, Ronja Hesse, Jasmin Jeromin, Constanze Jeschonek, Melanie Kalb, Maike Kreimann, Denis Meyer, Carolina Noos, Nina Oppermann, Nicole Paulke, Sulamith Spiegel und Mike Vojnar

Ton & Hörspiel Rasmus Nordholt
Videoinstallation Elena Ivanov
Technik Stefan Göbel, Evgeny Kilin, Anna Silberman, Hanno Sons
Regie-Assistenz Marina Eichler, Tilman Oestereich

Eine Produktion des Ringlokschuppen Mülheim. Gefördert vom Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen.